Das Wichtigste in Kürze
- Pflicht ist das Anschreiben nur dort, wo es verlangt wird – im öffentlichen Dienst und im klassischen Mittelstand ist das weiterhin der Regelfall, in vielen Konzern-Formularen längst nicht mehr.
- Deutsche Bahn, Otto und Henkel verzichten nach eigenen Angaben auf das klassische Anschreiben; die Deutsche Bahn berücksichtigt hochgeladene Anschreiben im Verfahren ausdrücklich nicht.
- Das Gewicht liegt ohnehin beim Lebenslauf: In der StepStone-Eyetracking-Studie (Österreich 2018, 33 Personalverantwortliche) machte er 68 Prozent des Gesamteindrucks aus, das Motivationsschreiben 22 Prozent.
- Wenn Sie schreiben, dann kurz: 150 bis 250 Wörter in drei Absätzen – Anlass, Beleg, Anschluss. Die volle DIN-A4-Seite Fließtext ist ein Format aus der Papiermappe.
- Ein Standardanschreiben aus der Vorlage schadet mehr als gar keines, weil es den einzigen verbliebenen Vorteil des Dokuments vernichtet: dass es individuell ist.
Ein Anschreiben ist 2026 genau dann nötig, wenn der Arbeitgeber es verlangt – sonst nicht. Deutsche Bahn, Otto und Henkel haben es nach eigenen Angaben aus ihren Bewerbungsverfahren gestrichen oder zur Kür erklärt; bei der Deutschen Bahn werden hochgeladene Anschreiben nicht einmal mehr angesehen. Entscheidend ist in allen diesen Verfahren der Lebenslauf mit einem aussagekräftigen Kurzprofil. Wo das Anschreiben freigestellt ist, lohnen sich 150 bis 250 Wörter nur, wenn Sie etwas zu erklären haben: Wechselmotivation, Quereinstieg, Führungsanspruch. Haben Sie das nicht, lassen Sie es weg.
Wann das Anschreiben verbindlich ist – und wann nicht
Eine gesetzliche Pflicht zum Anschreiben gibt es in Deutschland nicht. Verbindlich wird es allein durch die Ausschreibung. Wer „vollständige Bewerbungsunterlagen" verlangt, meint Anschreiben, Lebenslauf und Zeugnisse. Wer im Bewerbungsformular ein Pflichtfeld dafür vorsieht, ebenfalls. Und wer nur Lebenslauf und Zeugnisse abfragt, hat die Frage bereits beantwortet.
Zwei Stellen geben die Antwort in unter einer Minute: der Wortlaut der Unterlagen-Aufzählung und die Felder im Online-Formular. Ein Formular ohne Upload-Feld fürs Anschreiben ist eine klare Aussage. Umgekehrt ist „Bewerbungsschreiben" in einer Behördenausschreibung keine Empfehlung, sondern eine Formvorschrift des Auswahlverfahrens.
Die Frage lautet nicht „Ist das Anschreiben tot?", sondern „Was verlangt dieser Arbeitgeber?". Die Antwort steht in der Ausschreibung und im Bewerbungsformular – nicht in Trendartikeln, und auch nicht in der Praxis des letzten Arbeitgebers, bei dem Sie sich beworben haben.
Welche Unternehmen haben das Anschreiben abgeschafft?
Mehrere große deutsche Arbeitgeber haben das klassische Anschreiben nach eigenen Angaben aus dem Verfahren genommen und durch andere Elemente ersetzt – Motivationsfelder, kurze Pflichtfragen oder schlicht durch den Lebenslauf. Nachprüfbar dokumentiert ist das bei den folgenden drei Unternehmen, jeweils über deren eigene Karriereseiten und übereinstimmende Presseberichte:
- Deutsche Bahn: Im Hilfebereich des Karriereportals der DB heißt es, für eine Bewerbung werde kein Anschreiben mehr benötigt; wer zur Motivation etwas mitteilen möchte, kann ein Freitextfeld nutzen. Hochgeladene Anschreiben werden im Bewerbungsprozess ausdrücklich nicht berücksichtigt (Stand: August 2026). Eingeführt wurde der Verzicht 2018 zunächst für Ausbildung und duales Studium; Business Insider und WirtschaftsWoche berichteten im März 2019 über rund zehn Prozent mehr Bewerbungen auf diese Plätze.
- Otto: Der Hamburger Händler verzichtet nach eigenen Angaben seit 2016 auf das Anschreiben. Im Bewerbungs-FAQ der Karriereseite werden für den Direkteinstieg Lebenslauf und relevante Zeugnisse verlangt, ein Anschreiben nicht; bei Praktika, Ausbildung und dualem Studium treten zwei kurze Motivationsfragen an seine Stelle.
- Henkel: Im Karriere-FAQ des Düsseldorfer Konzerns steht, ein Motivationsschreiben sei „in der Regel optional". Presseberichte datieren die Umstellung auf ein vereinfachtes Verfahren mit Lebenslauf-Import aus Karrierenetzwerken auf 2017.
Verallgemeinern Sie diese Beispiele nicht: Es sind Regelungen einzelner Unternehmen, teils nur für bestimmte Stellenarten. Wer daraus ableitet, das Anschreiben sei allgemein abgeschafft, und es bei einer Stadtverwaltung oder einem 200-Mitarbeiter-Zulieferer weglässt, reicht eine unvollständige Bewerbung ein.
Wie viel bringt das Anschreiben überhaupt?
Gemessen an der Aufmerksamkeit, die es bekommt, weniger als sein Ruf vermuten lässt. Die Eyetracking-Studie von StepStone Österreich und MindTake (April 2018, 33 Personalverantwortliche) ordnete dem Lebenslauf 68 Prozent des Gesamteindrucks einer Bewerbung zu, dem Motivationsschreiben 22 Prozent und den Zeugnissen 10 Prozent. Die Stichprobe ist klein, die Größenordnung aber deckt sich mit dem, was Personalverantwortliche beschreiben.
Diese 22 Prozent sind kein Nichts – sie sind nur schwer zu verdienen. Eine Erhebung der Stepstone Group aus dem Jahr 2025 (704 befragte Recruiter) ergab, dass 80 Prozent die eingehenden Bewerbungen als höchstens mittelmäßig bewerten. Nicht das Format ist also das Problem, sondern der Inhalt: Ein Anschreiben, das den Lebenslauf in Prosa nacherzählt, verbraucht ein Fünftel der Aufmerksamkeit für null zusätzliche Information. Weitere geprüfte Kennzahlen zum Bewerbungsprozess finden Sie in unserer Übersicht Bewerbung in Zahlen.
Anschreiben ja, nein oder kurz? Die Entscheidungstabelle
Ob Sie ein Anschreiben brauchen, entscheiden zwei Fragen: Verlangt der Arbeitgeber eines – und gibt es in Ihrem Lebenslauf etwas, das ohne Erklärung falsch gelesen wird? Lautet die erste Antwort Ja, schreiben Sie. Lautet sie Nein und die zweite ebenfalls, lassen Sie es weg. Daraus ergeben sich acht Standardfälle.
| Situation | Anschreiben? | Begründung |
|---|---|---|
| Online-Formular ohne Feld fürs Anschreiben | Nein | Das Verfahren sieht es nicht vor; ein zusätzlicher Upload wird oft gar nicht gelesen. |
| Anzeige verlangt „vollständige Unterlagen" | Ja | Formulierung meint Anschreiben, Lebenslauf und Zeugnisse – ohne gilt die Bewerbung als unvollständig. |
| Öffentlicher Dienst, Behörde, Klinikträger | Ja | Standardisiertes Auswahlverfahren mit Abgleich zum Anforderungsprofil; Formfehler kosten die Bewerbung. |
| Konzern mit ausdrücklich optionalem Anschreiben | Nur bei Bedarf, kurz | Schreiben Sie, wenn ein Bruch zu erklären ist – sonst genügen Lebenslauf und Kurzprofil. |
| Initiativbewerbung | Ja | Ohne Ausschreibung gibt es keinen Anlass; das Anschreiben liefert ihn und benennt die Zielposition. |
| Quereinstieg oder Branchenwechsel | Ja, kurz | Der Lebenslauf zeigt die Stationen, nicht die Logik des Sprungs. |
| Führungsposition ab Bereichsleitung | Ja, kurz | Führungsverständnis, Mandatsgröße und Wechselgrund sind tabellarisch nicht darstellbar. |
| Berufseinstieg nach dem Studium | Ja, kurz | Bei dünner Berufserfahrung tragen Motivation und Passung einen größeren Teil der Entscheidung. |
Was das Anschreiben ersetzt: Kurzprofil, Motivationsfeld, kurze E-Mail
Die Funktion des Anschreibens verschwindet nicht, sie wandert: in das Kurzprofil im Lebenslauf, in das Motivations-Freitextfeld des Bewerbungsformulars und in die Mail, mit der Sie die Unterlagen versenden. Wer das Anschreiben weglässt, ohne diese Felder zu bespielen, verliert tatsächlich etwas – jede Aussage darüber, warum er sich bewirbt.
- Kurzprofil im Lebenslauf: drei bis fünf Zeilen direkt unter den Kontaktdaten mit Rolle, Erfahrungsjahren, zwei bis vier Kernkompetenzen und Zielrichtung. Es übernimmt die Positionierung, die früher im ersten Absatz des Anschreibens stand – wie Sie es formulieren, zeigt der Ratgeber Kurzprofil im Lebenslauf.
- Motivationsfeld im Formular: meist 500 bis 1.500 Zeichen ohne Briefformalitäten. Behandeln Sie es wie den Hauptteil eines Anschreibens: ein Anlass, ein belegter Erfolg, ein Satz zur Verfügbarkeit – ohne Anrede, ohne „Hiermit bewerbe ich mich".
- Kurze E-Mail beim Versand per Mail: vier bis sechs Zeilen. Fehlt das Anschreiben ganz, ist diese Mail der einzige Text – dann gehören Zielposition, ein Beleg und die Verfügbarkeit hinein.
- Feste Motivationsfragen: einige Arbeitgeber ersetzen das Anschreiben durch zwei Pflichtfragen („Warum diese Position?", „Warum Sie?"). Antworten Sie je Frage in fünf bis acht Sätzen mit einem konkreten Beispiel, nicht mit einer Selbstbeschreibung.
Unsere Position aus über zehn Jahren Bewerbungsservice: Das Kurzprofil übernimmt zunehmend die Aufgabe des Anschreibens, und deshalb gehört die Sorgfalt dorthin. In unserem Bewerbungs- und Karriere-Report DACH 2026 (freiwillige Kundenbefragung, n = 112, nicht repräsentativ) nannten 57,1 Prozent die „Darstellung von Stärken und Erfolgen" als wertvollsten Aspekt der Zusammenarbeit – nicht die Formulierung eines Anschreibens. Wenn Kunden bei uns am Umfang sparen wollen, sparen wir deshalb am Anschreiben. Nie am Lebenslauf.
Wenn ja: das kurze Anschreiben in drei Absätzen
Ein Anschreiben, das 2026 gelesen wird, hat 150 bis 250 Wörter und drei Absätze: Anlass mit Positionierung, ein Beleg mit Bezug zur Anforderung, Wechselgrund und Verfügbarkeit. Die volle DIN-A4-Seite stammt aus der Papiermappe, in der die Seite auch optisch gefüllt sein musste – im Bewerbermanagementsystem gibt es diesen Zwang nicht.
- Anlass und Positionierung (2–3 Sätze). Zielposition wörtlich benennen, eigene Rolle und Erfahrungstiefe in einer Zahl. Keine Einleitung über das Unternehmen, keine Floskel über die „mit großem Interesse gelesene" Anzeige.
- Der Beleg (3–4 Sätze). Ein Ergebnis, das zur wichtigsten Anforderung der Ausschreibung passt, mit Ausgangswert, Maßnahme und Wirkung. Ein gutes Beispiel schlägt drei behauptete Eigenschaften.
- Anschluss (2–3 Sätze). Warum wechseln Sie, ab wann sind Sie verfügbar? Dieser Absatz ist der Grund, warum sich ein freiwilliges Anschreiben lohnen kann: Er beantwortet die eine Frage, die im Lebenslauf nicht steht.
So klingt das auf Fach- und Führungsebene:
- Anlass: „Für die Werkleitung am Standort Kassel bringe ich acht Jahre Produktionsverantwortung im Sondermaschinenbau mit, zuletzt für 140 Mitarbeitende an zwei Fertigungslinien."
- Beleg: „Bei der Umstellung der Schichtplanung auf SAP PP haben wir die Termintreue innerhalb von 14 Monaten von 78 auf 94 Prozent gebracht – die Aufgabe, die Ihr Anforderungsprofil an zweiter Stelle nennt."
- Quereinstieg: „Nach elf Jahren in der Steuerberatung wechsle ich bewusst ins Konzerncontrolling: Die Jahresabschlüsse von Mandanten mit 50 bis 300 Millionen Euro Umsatz haben mir dieselben Fragen von der anderen Seite des Tisches gestellt."
- Führungsanspruch: „Mein Führungsverständnis ist delegativ mit harten Zielgrößen – in der Neuordnung der Region Süd habe ich vier Teamleitungen intern entwickelt statt extern besetzt."
- Anschluss: „Ich wechsle, weil die Werkleitung an meinem jetzigen Standort auf absehbare Zeit besetzt bleibt. Verfügbar bin ich zum 1. Januar."
Ein Fall aus der Praxis: Ein Vertriebsleiter aus dem Maschinenbau bewarb sich bei einem Medizintechnikkonzern, dessen Formular das Anschreiben freistellte. Der Lebenslauf war stark, erklärte aber den Branchensprung nicht. Wir haben 190 Wörter geschrieben, die ausschließlich diesen Sprung begründeten – Vertrieb über Ausschreibungen, vergleichbare Zykluslängen, regulatorisch dichteres Umfeld. Alles Übrige stand im Lebenslauf und wurde nicht wiederholt. Den Aufbau eines ausführlichen Anschreibens beschreibt unser Ratgeber Bewerbungsschreiben, die Sonderform ohne Ausschreibung der Ratgeber Initiativbewerbung.
Drei Fehler, die schlimmer sind als gar kein Anschreiben
Ein fehlendes Anschreiben ist dort, wo es freigestellt ist, folgenlos. Ein schlechtes Anschreiben ist es nicht: Es liefert einen zusätzlichen Grund für die Absage, den es ohne das Dokument nicht gegeben hätte. Diese drei Muster fallen Personalverantwortlichen in der Vorauswahl sofort auf.
- Das Standardanschreiben aus der Vorlage. „Mit großem Interesse habe ich Ihre Stellenanzeige gelesen" plus drei Sätze über Teamfähigkeit und Belastbarkeit: Der Text ist an nichts gebunden, was in der Ausschreibung steht. Er beweist, dass Sie sich nicht mit der Stelle beschäftigt haben – ohne Anschreiben wäre dieser Beweis nie entstanden.
- Der KI-Text ohne Bezug. Generierte Anschreiben sind sprachlich sauber und inhaltlich austauschbar, weil das Modell nur die Anzeige und ein paar Stichworte kennt. Nutzen Sie KI für Struktur und Kürzung, füttern Sie sie mit Ihren Zahlen und prüfen Sie jeden Satz auf Belegbarkeit – wie das geht, steht im Ratgeber KI-Bewerbungsschreiben.
- Der nacherzählte Lebenslauf. „Von 2019 bis 2023 war ich bei X tätig, anschließend wechselte ich zu Y" – das steht eine Seite weiter, in besser lesbarer Form. Ein Anschreiben rechtfertigt sich nur mit Information, die im Lebenslauf nicht vorkommt.
Der Anlass für ein freiwilliges Anschreiben bleibt damit fast immer derselbe: ein Weg, der ohne Erklärung falsch gelesen wird. Wie Sie ihn bereits im Lebenslauf schlüssig darstellen, zeigt der Ratgeber Lebenslauf für Quereinsteiger.


